Praxis-Newsletter – August 2025

Werkzeuge zur Selbsterkenntnis: Wie uns der Detachement-Ansatz hilft loszulassen und warum es tatsächlich kein gutes deutsches Wort dafür gibt.

Nicht loslassen zu können ist fast schon so etwas wie eine Volkskrankheit. Dieses Problem, das der menschliche Verstand hervorbringt, beschäftigt uns Therapeuten im Grunde den ganzen Tag lang, und zwar nicht nur in der Psychotherapie. Auch viele körperlichen Beschwerden wurzeln im „verhaftet sein“. Und schon sind wir mittedrin in einem seltsamen Problem der sonst so effektiven deutschen Sprache. Sich in etwas zu verbeißen, scheint der deutschen Mentalität so nahe zu sein, dass es keine gute deutsche Übersetzung für „Detachement“ (wörtlich übersetzt in etwa: „Enthaftung“) gibt. Der aus der Arbeits- und Organisationspsychologie stammende „Detachement-Ansatz“ wird auch von deutschsprechenden Psychologen so genannt.

Schon bei „verhaftet sein“ denken die meisten Deutschen wahrscheinlich sofort an etwas Juristisches. Juristische Sachen haben wir gerne und wir haben gerne Recht. Und ich will es nicht übertreiben, das ist kein rein deutsches Phänomen, wie der Zustand der globalen, menschlichen Gesellschaft beweist. Der menschliche Verstand ist eine Funktion, die offensichtlich das Überleben des Individuums sichern soll. Er hilft uns, schnell Muster zu erkennen, diese zu vereinfachen, zu schematisieren, einzuordnen, zu bewerten und möglichst keine Fehler zu machen. Fehler sind gefährlich und können unsere Überlebenschancen drastisch reduzieren. Es ist deswegen wichtig, dass wir richtig liegen, dass wir Recht haben mit unserer Einschätzung. In klar und einfach strukturierten Stammesgesellschaften war das nützlich und auf der Jagd nach Tieren überlebensnotwendig. In den komplexen, vielschichtigen, komplizierten und schwer zu durchschauenden, modernen Gesellschaften bringt uns das jedoch zunehmend in Schwierigkeiten. Diese natürliche Bestrebung unseres Verstandes, Recht zu haben und richtig zu liegen, führt mehr und mehr zu destruktiver Rechthaberei.

Der Verstand hält an seiner Rechthaberei sogar noch fest, wenn tatsächlich sein Leben bedroht ist. Die vielen Kriege auf dem Planeten sind ein Beleg dafür. Ohne die Verstandesfunktion, Recht haben zu müssen, gäbe es keinen Krieg, wir würden uns einigen. Aber wir kleben so sehr an unseren festgefahrenen Positionen, Meinungen und Urteilen fest, dass wir lieber mit ihnen untergehen, als sie loszulassen, unsere Anhaftung zu lösen. Tatsächlich wäre „Ablösung“ wahrscheinlich eine gute Übersetzung für „Detachement“, aber da denken viele Deutsche wahrscheinlich an etwas Politisches oder an ihren Chef.

Tatsächlich liefert uns der Bereich östlicher Spiritualität hier ein paar gute Impulse. Auf einer deutschen Webseite über Yoga fand ich den Begriff „Verhaftungslosigkeit“. Damit ist nicht der Wunschtraum aller Kriminellen gemeint, sondern die innerliche Lossagung von der äußeren Welt der Formen und Erscheinungen. Der Schüler östlicher Lehren sagt sich von allem Weltlichen los, wenn er sich bei seinem Guru (spiritueller Lehrer), der das höchste, geistige Prinzip für ihn versinnbildlicht, in die Ausbildung begibt. Christliche Nonnen und Mönche durchlaufen eine vergleichbare Prozedur. Dabei ist „Verhaftungslosigkeit“ kein offizieller Begriff der deutschen Sprache, das Wort steht nicht im Duden. Genau mein Ding, ich liebe neue Worte! Ein Hoch auf die deutschen Yogis!

Anders als die christlichen Klosterinsassen, legen die meisten östlichen Schüler geistiger Lehren nicht auf Lebenszeit ein Armuts- und Keuschheitsgelübde ab. Sie tun dies nur so lange, bis sie sicher sind, dass sie ihre Identität nicht mehr auf äußere Werte gründen („mein Mann, meine Frau, mein Haus, mein Auto, mein Boot“), sondern eine stabile spirituelle Identität etabliert haben („mein Gott, mein Guru, mein Sein“ bzw. für Christen, Moslems und Juden nimmt der jeweilige Religionsgründer oder Prophet die Stelle von „Guru“ ein). Die „Verhaftungslosigkeit“ führt uns also aus dem Gefängnis unserer psychologischen Verhaftungen oder Anhaftungen. Aber warum ist es überhaupt wichtig oder psychologisch sinnvoll, sich regelmäßig von seinen mentalen und emotionalen Anhaftungen zu lösen?

Vordergründig kann jeder schon körperlich spüren, warum es wichtig ist, täglich abzuschalten. Wer es nicht tut, bekommt von seinem Körper ganz schnell die rote Karte gezeigt: muskuläre Verspannungen sind da noch das geringste Problem. Sobald sie zu Kopfschmerzen führen, wird es noch unangenehmer. Bald gesellen sich Schlafstörungen, erhöhter Blutdruck und erhöhte Herzfrequenz dazu. Und schon haben wir die Grundlage für alle möglichen, ernsthaften Erkrankungen geschaffen.

Die Folge von mangelhaftem Abschalten fassen wir unter dem Begriff „Stress“ zusammen, ein Wort, dass erst in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts von der Wissenschaft geprägt wurde. Es gab auch schon vorher Stress, aber kein Wort dafür. Einerseits ein Zeichen für zunehmende Bewusstwerdung der Menschheit, andererseits ein Zeichen dafür, dass der Stress, den es vorher gab, irgendwie bewältigt wurde und ab einem bestimmten Zeitpunkt zum Problem wurde. Inzwischen dürfte „Stress“ das zentrale Problem der Menschheit sein.

Wer emotionalem Stress nicht rechtzeitig durch Abschalten und Detachement entgegentritt, gerät schnell in negative Emotionen. Wer seine mentalen Anhaftungen nicht hinterfragt und sich in seine Meinungen, Urteile und Ansichten hineinsteigert, gerät mit seinem Auto vielleicht in eine Menschenmenge und steht dann als „Attentäter des Tages“ in der Zeitung. Ohne eine gelassene Grundhaltung, die aus der regelmäßigen Übung von „Ablösung“ resultiert, können wir in viele unangenehme und bedrohliche Situationen geraten.

„Verhaftet“ zu sein, bedeutet auch, fremdgesteuert zu sein. Es ist deshalb wichtig, dass Du Dich regelmäßig von den Meinungen, Urteilen und Erwartungen anderer kognitiv distanzierst. Das steigert dann auch wieder Deine Kreativität und Problemlösefähigkeit. Von Einstein gibt es die Erzählung, dass er sich einfach auf die Couch in seinem Arbeitszimmer legte, wenn er mit einem schwierigen Problem nicht weiterkam. Es störte ihn nicht, dass weder „Stress“ noch „Detachement“ oder der „Powernap“ (kraftspendender Kurzschlaf) erfunden waren. Erwachte erfrischt auf und fand eine Lösung.

Ohne innerliche Distanz stehst Du einfach „zu nahe an der Wand“ und verlierst den Überblick, „Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“. Das führt dazu, dass

  • Du Dich in Details verlierst
  • Dein Blick zu eingeengt auf nur wenige Aspekte einer Angelegenheit gerichtet ist
  • Du das Große und Ganze aus den Augen verlierst
  • Du Dich nicht mehr in andere hineindenken kannst

und damit Deine sozialen Beziehungen gefährdest, seien es professionelle oder private Beziehungen.

Aus spiritueller Sicht ist es notwendig, Detachement täglich zu praktizieren, damit Du wieder zu Dir selbst kommst, zu Deiner wahren Natur. Wir Menschen neigen dazu, uns mit unserer Rolle in der menschlichen Gesellschaft, in unserer Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule etc. zu identifizieren. Auch das hat einen Sinn in unserer Evolutionsgeschichte. Stelle Dir mal kurz vor, Du wärest allein auf diesem Planeten, also ganz allein, meine ich damit. Es gäbe gar nichts um Dich herum, keine Anzeichen von weiterem, menschlichen Leben. Die Natur wäre so, wie sie ohne menschliche Eingriffe eben wäre, also entweder öde oder undurchdringliche Vegetation. Du hättest keine Sprache, Du wüsstest nicht einmal, dass Du ein Mensch bist, weil es keinen Begriff dafür gäbe. Du könntest denken, dass Du ein Stein oder ein Baum bist. Da Du aber keine Worte für „Stein“ oder „Baum“ hättest, würdest Du auch nichts denken. Du würdest einfach Deinen Überlebensinstinkten folgen und irgendwann wieder sterben.

Es macht also schon Sinn, soziale Beziehungen ernst zu nehmen und zu gestalten. Wenn das aber dazu führt, dass Du das, was Du eigentlich bist, nämlich ein geistiges Wesen in einer vorübergehenden Verkörperung, nicht mehr wahrnimmst, erschafft dies mit der Zeit Probleme in Deinen sozialen Beziehungen. Du verlierst den Abstand, Du verstrickst Dich, verlierst Dich in Rechthaberei, Wettbewerb, Kampf und erschöpft Dich. An diesem Punkt lernen wir Therapeuten unsere Patienten meistens kennen.

Früher – und für nicht wenige Menschen auch noch heute – waren dann die Religionen hilfreich. Sie boten Rituale, die einen Abstand zum Alltag schafften. Ein Gebet ist so ein einfaches Ritual. Die Psychologie hat Gott aus dem Gebet herausgenommen und nennt es „Affirmation“, also die Bejahung eines gewünschten Zustandes. Der Buddha propagierte die Meditation und auch Jesus schien ein früher Anhänger des Detachement-Ansatzes gewesen zu sein, wenn er die Menschen darauf hinwies, dass die Vögel und die Lilien auf dem Feld sich keine Sorgen machen und die ganze Zeit darüber nachdenken, wie sie Besitz anhäufen können, und doch aufs Allerprächtigste von der Schöpfung gekleidet und versorgt werden. Einem reichen Materialisten prophezeite er, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen würde als er ins Himmelreich.

Ich werde hier keinen Platz mit Aufzählungen von Detachement-Methoden verschwenden, das liefert Dir jede beliebige Suchmaschine oder die KI im Internet. Den verbleibenden Platz möchte ich nutzen, Dich zu ermutigen, regelmäßig loszulassen. Und zwar möchte ich Dich konkret ermutigen, alles regelmäßig loszulassen, Dich also innerlich „nackig“ vor Dir selbst zu machen und alles kurz in Frage zu stellen. Fange mit Deinen Überzeugungen, Meinungen, Urteilen und sonstiger Rechthaberei an. Wenn es sie gibt, bedeutet das in einer Welt der Gegensätze, dass es das genaue Gegenteil zu Deinen Standpunkten auch gibt. Was macht Dich so sicher, auf „der richtigen Seite“ zu sein? Höhere Intelligenz? Moralische Überlegenheit? Alles Idioten? Du merkst schon, ganz dünnes Eis!

Wenn Du das gemeistert hast, mache weiter mit den Konflikten und Meinungsverschiedenheiten in Deiner unmittelbaren Umgebung, also am Arbeitsplatz, in der Ehe/Intimbeziehung, die Du vielleicht führst, und dann natürlich in der erweiterten Familie. Fange an, zu hinterfragen, loszulassen und schließlich auch zu vergeben. Nicht wegen der anderen, sondern um Deinen eigenen Seelenfrieden zu finden. Eine unversöhnliche Haltung wird den anderen irgendwann nicht mehr stören, er wird es verdrängen. Du bist derjenige, der am meisten darunter leiden wird. Wir haben im therapeutischen Kontext auch mit Sterbenden zu tun. Vergebung, die Auflösung einer unversöhnlichen Haltung, ist ein regelmäßiges Thema der letzten Stunden. Nutze die Zeit, die Dir gegeben ist, weise und sinnvoll.

In diesem Sinne wünsche ich Dir einen sonnigen und versöhnlichen August und freue mich wie immer, von Dir zu hören und Dich zu sehen!

Jörg Schuber

Bildquelle: https://pixabay.com/de/illustrations/frau-gesicht-gehirn-gedanken-4404731/

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