Praxis – Newsletter – Dezember 2025

Kinder, wie die Zeit vergeht! Ach, wirklich? – Wie Du die Zeit für Dich arbeiten lässt

Du kennst das vielleicht auch: Mal wieder ist ein Vor- oder Nachmittag wie im Flug vergangen und Du kamst gefühlt zu GAR NICHTS!!! Genervt und gestresst kommt es Dir vor, als ob Dir die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt und je mehr Gas Du gibst, desto schneller scheint sie zu vergehen. Interessanterweise vergehen aber auch schöne Urlaubstage manchmal wie im Flug, obwohl Du gar nicht genervt und gestresst bist.

Vielleicht hast Du aber auch schon einmal das Kontrastprogramm erlebt und hattest einen Tag, der langweilig war und gefühlt gar nicht mehr zu Ende ging, weil Du beim Arzt stundenlang warten musstest oder auf der Autobahn im Stau standest. Oder Du hast wiederum Momente erlebt, die so schön waren, dass die Zeit stehen zu bleiben schien.

Obwohl Dein Verstand und Dein Wissen Dir sagen, dass Zeit immer gleich schnell vergeht, fühlt es sich nicht so an! Dieses Phänomen kann psychologisch, neuropsychologisch und spirituell erklärt werden und Du kannst es für Dich nutzen, um mehr erledigt zu bekommen, bewusster, stressfreier und gesünder zu leben.

Schau Dir also zunächst mal die Faktoren an, die laut (neuro)psychologischer Forschung Dein subjektives Zeiterleben maßgeblich beeinflussen:

Faktoren, die Dein Zeiterleben subjektiv machen

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit: Wenn Du sehr stark auf den Moment oder bestimmte Details fokussiert bist, scheint die Zeit langsamer zu vergehen. Das liegt vor allem daran, dass Du Details bewusster wahrnimmst und besonders in der Achtsamkeit eine ruhige, gelassene, offene und nicht wertende Haltung bewahrst. Dadurch ist auch die Selbstwahrnehmung aktiv, Du bist Dir Deiner Gedanken und Gefühle bewusster. Eine ruhige und beobachtende Haltung fördert die persönliche Präsenz und die Selbstregulation.

Ablenkung und geteilte Aufmerksamkeit: Teilst Du Deine Aufmerksamkeit während eines Zeitabschnittes auf verschiedene Ereignisse auf (Telefon, E-Mail, Kundeverkehr, Gespräche mit Kollegen etc.), werden diese Ereignisse weniger tief von Deiner Psyche verarbeitet und damit weniger strake Erinnerungen gebildet bzw. die Erinnerungen werden zusammengefasst. Das verkürzt das Zeitempfinden. Jede Ablenkung verhindert also eine vertiefte Wahrnehmung des Moments, die Zeit wird weniger bewusst erlebt und scheint zu „verfliegen“. Außerdem führt häufige Ablenkung zum nächsten Faktor in der subjektiven Zeitwahrnehmung:

Stress und Zeitdruck: Wiederum verarbeitet das Gehirn bei Stress weniger Details, weil die Aufmerksamkeit weniger auf die Tätigkeit gerichtet ist als auf die Zeit, in der diese zu erledigen ist. Während einer stressigen Arbeitswoche kommt Dir diese zwar endlos vor und Du sehnst den Freitag herbei (was durch die Fokussierung auf die Zeit noch schlimmer wird), rückblickend werden stressige Phasen aber als kürzer erinnert, aus den schon geschilderten Gründen. 

Körperliche Zustände: Stress und Zeitdruck führen häufig zu Muskelverspannungen. Deswegen werden für den Arbeitsplatz häufig Lockerungsübungen und Atemübungen empfohlen; auch Konzentrationsübungen helfen, den Körper aus der Anspannung zu holen. Eine entspannte Muskulatur verlangsamt das Zeitempfinden.

Alter und Erfahrung: In der Kindheit erfährst, erlebst und lernst Du ständig etwas Neues. Das ist spannend, Du bist mit Feuereifer und ganzer Aufmerksamkeit dabei und das Zeitempfinden fängt an, sich zu dehnen. Mit zunehmendem Alter verkürzt es sich wieder, weil weniger Neues erfahren wird, vieles wird zur Routine und langweilt Dich teilweise sogar. Wenn Du Dich langweilst, vergeht die Zeit gefühlt überhaupt nicht und Du fängst an, Dich abzulenken. Deswegen machen Erwachsene Urlaub, um wieder einmal neuen Reizen ausgesetzt zu sein.

Innere Uhr: Die oben genannten Faktoren beeinflussen die sogenannte „innere Uhr“. Das ist ein Netzwerk von Nervenzellen im Gehirn, das durch Licht synchronisiert wird. Die innere Uhr wird durch die Wechselwirkung von Genen, Nervenzellen und Hormonen gebildet und gesteuert. Die zentrale Uhr sitzt im suprachiasmatischen Nukleus (SCN) des Hypothalamus. Organe wie Leber und Bauchspeicheldrüse haben eigene Uhren, die durch die zentrale Uhr synchronisiert werden. So können wichtige Abläufe wie der Schlaf-Wachrhythmus und die Hormonausschüttung (z.B. Melatonin für Schlaf, Cortisol für Aktivität) optimal zeitlich abgestimmt werden. Spezielle Sinneszellen in der Netzhaut der Augen empfangen Lichtinformationen und die innere Uhr synchronisiert daraufhin Deine körperlichen und mentalen Prozesse mit dem Tageslicht. Wird die innere Uhr gestört, z.B. durch Stress, Erregung, Müdigkeit, Zeitverschiebung (Jetlag) etc., beeinflusst sie Dein subjektives Zeitempfinden. Durch Entspannung, Meditation, Ruhe, Erholung, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit kannst Du regulierend und entschleunigend eingreifen.

Komm‘ in den Flow!

Als Praxisform der Achtsamkeit stellt sich mit etwas Übung durch Konzentration auf Deine Atmung und Dein Körperempfinden eine meditative Haltung ein. Das fördert Ruhe und Gelassenheit ganz enorm und kann Dein Zeitempfinden verlangsamen. Es schult außerdem Deinen Geist darin, Ablenkungen auszublenden und den Moment tiefer zu erleben. Es baut Stress ab und stärkt Deinen inneren Fokus, Du bleibst also eher „in Deiner Mitte“.

Von da aus kannst Du den nächsten Schritt machen und in einen sogenannten „Flow-Zustand“ kommen. Beim Wandern oder Laufen kannst Du so etwas erleben, aber auch beim kreativen Arbeiten, Malen, Schreiben, Musizieren oder Tanzen, alles durchaus anspruchsvolle oder sogar körperlich anstrengende Tätigkeiten. Anstrengung und Konzentration können bei der richtigen inneren Haltung (siehe oben) so tief werden, dass Gedanken und Bewegungen fließend ineinander übergehen und Du sozusagen aus dem Bauch heraus handelst, den Kopf anscheinend ausschaltest, die Dinge laufen plötzlich automatisch ab, die Wahrnehmung intensiviert sich, Rhythmus und Atmung werden gleichmäßig, Du bist vollständig im Moment, die Anstrengung tritt in den Hintergrund, ebenso wie Dein Bewusstsein für Zeit und äußere Ablenkungen. Meditative Haltung, Können und Herausforderung lösen so oftmals einen Flow-Zustand aus, bei dem die Zeit entweder wie im Flug vergeht oder stillzustehen scheint, sie löst sich irgendwie auf und wird relativ.

Warum ist der Urlaub so schnell vorbei?

Warum aber vergeht ein schöner Urlaub gefühlt so schnell? Das hat mehrere Gründe: Zum einen freust Du Dich schon ziemlich lange darauf, sodass die Zeit der Vorfreude im Vergleich zur tatsächlichen Urlaubszeit viel länger ist und der Urlaub dann sehr kurz erscheint. Zum anderen greifen einige der oben schon beschriebenen Faktoren: In den ersten Tagen des Urlaubs dehnt sich die gefühlte Zeit noch, weil in der Regel alles neu ist, Du Dich am Urlaubsort zurechtfinden musst und so viele neue Reize erfährst. Dann aber kennst Du langsam alle Wege, das Hotel, die Ferienanlage, den Strand und die Insel und es stellt sich wieder Routine ein. Natürlich kannst Du Dich auch mal für einen Urlaub entscheiden, in dem Du Dich systematisch langweilst und einfach nur faulenzt; keine Ausflüge, keine Events, nur schlafen, Bücher lesen, Musik hören und langsame Spaziergänge machen. Während solch eines Urlaubs wird sich die Zeit dehnen und Dir sehr lange vorkommen. Allerdings wird der Urlaub vom Gehirn aufgrund der Reizarmut und Ereignislosigkeit dann im Nachhinein verkürzt zusammengefasst und in der Erinnerung als kurze Zeitspanne abgespeichert. Du hast also die Qual der Wahl: Ein paar Urlaubstage, die Dir länger vorkommen, bis die Zeit wieder wie im Fluge vergeht oder ein gefühlt längerer Urlaub, der dann in Deiner Erinnerung wieder zusammenschrumpft. Vielleicht versuchst Du es mal mit einer guten Mischung aus Langeweile und Action und achtest darauf, möglichst wenig Routine aufkommen zu lassen, jeden Tag mit kindlichem Gemüt etwas Neues zu entdecken und wirklich ganz bewusst ganz andere Dinge als zu Hause zu tun. Oder Du gibst mal Yoga oder Meditation am Morgen eines jeden Urlaubstages eine Chance!

Es gibt nur das JETZT!

Das Thema hat, wie schon angekündigt, auch eine spirituelle Komponente und einige philosophische sowie religiöse Systeme beschäftigen sich mit der Zeit. Im Kriya-Yoga ist es z.B. das erklärte Ziel der Meditation, einen Zustand der Atemlosigkeit zu erreichen. Damit ist nicht der Zustand gemeint, den Helene Fischer in ihrem berühmten Schlager „Atemlos durch die Nacht“ besingt. Die Kriya-Yogis meinen das wörtlich: Der Atem soll zum Stillstand kommen. Der Volksmund ahnt noch etwas von dieser uralten Weisheit, wenn er von atemberaubender Schönheit spricht, von Momenten, die so schön waren, dass die Zeit stillstand. Der Kriya-Yoga lehrt, wie man systematisch durch Meditation und andere Techniken Zustände der Glückseligkeit erreichen kann, in denen genau das passieren soll: Zeit und Atem stehen still. Voraussetzung dafür ist, dass die Gedanken zum Stillstand kommen. Zwischen den Gedanken befindet sich die zeitlose Ewigkeit. Nach dieser Philosophie ist Zeit nicht nur relativ, sie existiert nicht, sie ist eine Erfindung des menschlichen Bewusstseins. Wir ersinnen die Zeit, geben sie an unser Hirn weiter und verstoffwechseln sie in den Körper, wo sie sich als Alterungsprozess manifestiert. Der geniale Physiker Stephen Hawkins kam zu dem Schluss, dass wir in einem Universum ohne Anfang, ohne Ende, ohne Zeitbegrenzung und ohne räumliche Begrenzung leben. Der bekannte, zeitgenössische Philosoph Eckhart Tolle betont ebenfalls sehr stark, dass es nur den jetzigen Moment gibt, alles andere sei nur Illusion. Er fordert uns auf, konsequent im JETZT zu leben.

Nun, ich kann das aus eigener Erfahrung lediglich bis zu einem gewissen Punkt bestätigen, finde diese Ansätze und Gedanken aber sehr inspirierend und arbeite täglich dran, weniger Sklave der Zeit zu sein und mehr im JETZT zu leben. Zum Abschluss vielleicht noch ein kleines, symbolisches Gleichnis, das nicht auf historischen Tatsachen beruht, dem Inhalt dieses Newsletters aber ein schönes Bild gibt. Gefunden habe ich diese Erzählung in einem älteren Vortragsskript über Quantenbewusstsein von Prof. Dr. Deepak Chopra, einem indisch-amerikanischen Arzt, der es inzwischen mit Bestsellern und Vorträgen zu Themen der Spiritualität und persönlichen Transformation zu beträchtlicher, internationaler Berühmtheit gebracht hat. Dort heißt es:

„Vor einigen Jahren las ich einen Bericht über eine Gruppe von ungefähr sieben deutschen Bergwerksarbeitern, die in einer Mine verschüttet wurden. Nur einer von ihnen hatte eine Uhr. Um seine Kameraden nicht allzu sehr zu beunruhigen, teilte er ihnen alle zwei Stunden mit, eine Stunde sei vergangen. Nach einer Woche wurden sie gerettet, alle lebend, bis auf denjenigen mit der Uhr. Er war zwar in der Lage gewesen, das Zeitempfinden der Gruppe zu ändern, sich selbst konnte er jedoch nicht täuschen. Er hatte die ganze Zeit die Uhr im Kopf.“

Viele Zeitgenossen fühlen sich wie der Arbeiter mit der Uhr: Verschüttet im Bergwerk ihres Lebens, haben sie Angst, dass ihnen die Zeit nicht reicht und hoffen darauf, wieder ans Licht und die frische Luft zu gelangen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Du die Uhr aus Deinem Kopf verbannst und Dich auf den Moment konzentrierst. Stell‘ Dir Dein Smartphone oder einen guten, alten Wecker so ein, dass Du an Termine erinnert wirst, dann vergiss die Zeit und komm‘ in den Flow!

In diesem Sinne wünsche ich Dir eine zeitlose und atemberaubend schöne Vorweihnachtszeit und freue mich wie immer, von Dir zu hören und Dich zu sehen!

Jörg Schuber

Bildquelle: Google-Gemini-Bildgenerator

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