Praxis – Newsletter – November 2025

Wie Du emotionale Abhängigkeit und sexuelle Bedürftigkeit als Treibstoff für größeres, persönliches Wachstum nutzt

Bei den Begriffen Sucht und Abhängigkeit denken die meisten Menschen an Drogen, die man kaufen oder zumindest anfassen kann: Alkohol, Kokain, Cannabis, Heroin, Designerdrogen, Pilze etc. Das ist nicht falsch, aber nur ein kleiner Ausschnitt.

Unser Körper produziert alles selbst, was uns die gerade genannten Substanzen liefern, hat also irgendwo im zentralen Nervensystem Rezeptoren dafür. Daraus kann man schließen, dass es Verhaltensweisen sowie Arten zu denken und zu fühlen gibt, die körpereigene Drogen produzieren. Glücksgefühle und rauschartige Zustände können wir also auch erleben, wenn wir keine Substanzen von außen zuführen.

Beim Verliebtsein z.B. werden vermehrt Dopamin, Noradrenalin, Serotonin (dessen Spiegel sinkt), Oxytocin und Vasopressin ausgeschüttet, die für Euphorie, Anziehung, Bindung und Glücksgefühle sorgen, aber auch das Suchtpotenzial und den Tunnelblick während der frühen Phase der Liebe erklären.

Die Einnahme von Kokain, Amphetaminen, Opiaten und Nikotin führt ebenfalls zu einem massiven Anstieg des Dopaminspiegels im Gehirn, so wie beim Essen oder beim Sex.

Einige psychedelischen Substanzen und insbesondere auch MDMA („Ecstasy“) können die vermehrte Freisetzung des „Kuschel- und Bindungshormons“ Oxytocin auslösen.

Drogen wie MDMA, Amphetamine und Kokain können den Serotoninspiegel beeinflussen und zu kurzfristigen, euphorischen Effekten führen.

Kokain und Amphetamine wirken als Wiederaufnahmehemmer von Noradrenalin, wodurch der Noradrenalin-Spiegel im Gehirn ansteigt. Dies trägt zu den stimulierenden Effekten wie erhöhtem Herzschlag und gesteigerter Wachsamkeit bei.

Vasopressin spielt eine ähnliche Rolle wie Oxytocin.

Auch für die allseits beliebte Volksdroge Alkohol lassen sich diese Zusammenhänge nachweisen: Alkohol beeinflusst im Gehirn hauptsächlich GABA (hemmend) und Glutamat (hemmend) sowie das Dopamin- und Serotonin-System, was zu Entspannung und Euphorie führt und erst bei höherem Konsum zu Gedächtnislücken und Koordinationsproblemen. Der körpereigene Stoff Dopamin, der durch Alkohol freigesetzt wird, stimulieret wie bei Verliebtheit und Sex das Belohnungssystem und fördert süchtiges Verhalten. Glutamat interagiert mit Dopamin. Der Glutamat-Spiegel steigt wie beim Alkoholkonsum auch beim Sex an. GABA (Gamma-Aminobuttersäure) wiederum reguliert sowohl beim Sex als auch beim Trinken von Alkohol die Erregungszustände und fördert die Entspannung.

Die Substanzen sind nicht das Problem

Wir sehen also, dass Verliebtheit und Sex uns einer Art „Drogencocktail“ aussetzen. Das ist erst einmal weder schlecht noch gefährlich. Drogen waren auch noch nie das Problem, es sind einfach nur Substanzen mit einer bestimmten Wirkung. Ist die menschliche Psyche im Gleichgewicht, können wir sowohl mit von außen zugeführten Substanzen als auch mit den „selbst produzierten“ besser umgehen. Um süchtig zu werden, müssen bestimmte Voraussetzungen vorliegen, dazu später mehr.

Zunächst möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Dosis und die Art der Ausschüttung dieser Substanzen bei natürlichen Prozessen wie Verliebtheit und Sex deutlich geringer und anders reguliert sind als beim Konsum von Drogen, die dem Körper von außen zugeführt werden. Der Anstieg des Dopaminspiegels liegt beim Sex z.B. 100 % über dem Grundwert. Beim Konsum von Amphetaminen und Kokain kann der Anstieg bis zu 1000 % über dem Grundwert liegen. Bei natürlichen Vorgängen wie Sex und Verliebtheit reguliert der Körper die Ausschüttung der Substanzen sorgfältig und stellt bald wieder ein Gleichgewicht her. Die hohe und unkontrollierte Drogenzufuhr von außerhalb des Körpers stört dieses feine Gleichgewicht massiv und kann das Belohnungssystem im Gehirn nachhaltig verändern.

Die Ursachen für Abhängigkeiten liegen in der Psyche

Ist unsere Psyche allerdings nicht im Gleichgewicht und weist aufgrund frühkindlicher Erfahrungen, späterer Lebenserfahrungen oder gar Traumata gewisse Verletzungen oder Vernarbungen auf, können natürliche Prozesse wie Verliebtheit oder das Ausleben unserer Sexualität suchtartigen Charakter annehmen. Es kommt zu einer sogenannten „Toleranzentwicklung“, d.h. wir brauchen immer mehr davon und schütten damit auch vermehrt die oben aufgeführten, körpereigenen Substanzen aus. In diesen Fällen reguliert der Körper die Ausschüttung nicht mehr so sorgfältig und es kommt ebenfalls zu hohen und unkontrollierten Anstiegen der Substanzen, vergleichbar mit Rauschzuständen, die durch Drogenzufuhr von außen ausgelöst werden.

Ein kurzer Blick auf Sex- und Beziehungssucht

Sowohl bei der Sex- als auch bei der Beziehungssucht sind diese Vorgänge zu beobachten und auch die Entzugserscheinungen gleichen sich teilweise: Intensive emotionale Schwankungen, Reizbarkeit, Angst, Panikattacken, tiefe Traurigkeit und Gefühle von Leere.

Bei der Beziehungssucht kommt im Falle einer Trennung zum normalen Liebeskummer eine unerträgliche psychische Abhängigkeit hinzu, die den Entzug von einer Substanz nachahmt. Betroffene empfinden ein Gefühl von Wertlosigkeit, sind unfähig, allein zu sein, und verspüren einen zwanghaften Drang, die Beziehung zu reparieren oder sofort eine neue zu finden.

Liegt eine Sexsucht vor, können bei sexueller Abstinenz starke, zwanghafte Gelüste, innerliche Unruhe, Ängste und Depressionen auftreten.

Bei beiden Suchtformen können bei Entzug stress-bedingte körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Übelkeit oder allgemeine Abgeschlagenheit auftreten.

Einige meiner Leser werden sich an dieser Stelle vielleicht sagen, dass es so extrem bei ihnen ja gar nicht ist. Das ganze Thema ist sowieso etwas unangenehm und wir schieben es gerne von uns weg, weil wir es ja nicht verhindern können, dass wir uns ab und an verlieben oder sexuelle Bedürfnisse verspüren. Wie eingangs schon gesagt, sind dies natürliche Prozesse.

Welche Tendenzen können wir bei uns erkennen?

Die extremen Verlaufsformen als manifeste Süchte zeigen uns aber Tendenzen, die viele von uns kennen. Wir würden es vielleicht noch nicht „Sucht“ nennen, aber es ist eben nicht so ganz im Gleichgewicht und teilweise erkennen wir uns in den Schilderungen wieder. Deswegen spreche ich in der Überschrift von emotionaler Abhängigkeit und sexueller Bedürftigkeit, also den Vorformen oder milderen Verlaufsformen der manifesten Suchterkrankungen.

Das ist auch genau der Bereich, der in meiner Praxis häufig vorkommt. Suchtbehandlung gehört nicht zu meinem Aufgabenbereich, aber suchtartiges Verhalten ist alltäglich und kommt häufig vor, und das eben auch im Bereich Liebe und Sexualität.

Wie entstehen emotionale Abhängigkeit und sexuelle Bedürftigkeit?

Fehlende emotionale Sicherheit, innerer Leere oder mangelnder Selbstannahme können dazu führen, dass wir Sexualität als Ersatz für emotionale Geborgenheit missbrauchen. Aus einem grundsätzlichen, menschlichen Grundbedürfnis und Motivationssystem wird ein bedürftiges, zwanghaftes, suchtartiges Verhalten. Ungelöste Traumata stören oft die Fähigkeit, Nähe und Sexualität getrennt oder bewusst zu erleben – was zu übermäßiger Suche nach sexueller Bestätigung oder eben auch zu sexuellen Hemmungen führen kann, zwei Seiten derselben Medaille.

Emotionale Abhängigkeit entsteht, wenn eine Person die Bestätigung, Nähe und Zuneigung des Partners übermäßig braucht, um sich sicher oder wertvoll zu fühlen. Typische Merkmale sind Verlustangst, Eifersucht, Kontrollverhalten und Unterordnung unter die Bedürfnisse des anderen. Die psychischen Wurzeln liegen häufig in der Kindheit: unsichere oder traumatisierende Bindungserfahrungen führen zu einem tiefen Misstrauen gegen das Alleinsein und einem übermäßigen Bedürfnis nach Beziehungssicherheit. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl oder mangelnden eigenen Lebensinhalten (Freunde, Hobbys, Selbstverwirklichung) geraten besonders leicht in solche Dynamiken.

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Gemeinsamkeiten und Unterschiede – Auswirkungen auf unsere Beziehungen

Emotionale Abhängigkeit und sexuelle Bedürftigkeit treten manchmal zusammen auf, aber häufig eben auch nicht. Beiden gemeinsam ist aber die Verlustangst, das mangelnde Selbstwertgefühl, die übersteigerte Suche nach Bestätigung, eine Art innere Leere, häufig spielen Traumatisierungen eine Rolle.

Emotionale Abhängigkeit führt sogar häufig und langfristig zu sexueller Frustration. Denn Abhängigkeit erzeugt Enge und sexuelle Leidenschaft lebt von Freiheit, Differenzierung und der sich daraus ergebenden Attraktivität und Anziehungskraft.

Sexuelle Bedürftigkeit führt häufig zu einer Überforderung der Beziehung, falls überhaupt eine stabile Beziehung aufgebaut werden kann. Kommt es zu einer suchtartigen Toleranzentwicklung, genügt die Sexualität, die eine feste Alltagsbeziehung oder Ehe bieten kann, schnell nicht mehr und es werden immer stärkere und extremere Reize gesucht. Da steigt der Partner häufig aus, es kommt zu Untreue und Außenbeziehungen, zu riskanten Sexualkontakten außerhalb der Beziehung mit all den Komplikationen und gesundheitlichen Gefahren, die damit einhergehen.

Wege zur Selbstheilung

Der Ausweg beginnt in beiden Fällen mit Selbstwahrnehmung und Grenzbewusstsein. Menschen, die emotionale oder sexuelle Bedürftigkeit erleben, profitieren von:

  • Aufbau von Selbstwertgefühl, unabhängig vom Partner
  • Entwicklung eigener sozialer und kreativer Quellen der Erfüllung
  • Auseinandersetzung mit Bindungserfahrungen und Körperwahrnehmung
  • Offener Kommunikation über Bedürfnisse und Grenzen
  • Gegebenenfalls psychotherapeutischer Begleitung, um alte Verletzungen aufzuarbeiten

Der Mythos von der perfekten Einheit in der Beziehung und die Erzählung von der „besseren Hälfte“ darf ersetzt werden durch zwei Menschen, die sich emotional und körperlich nahekommen können, ohne sich selbst zu verlieren. Menschen, die unabhängig vom Partner Erfolgserlebnisse haben, eine eigene Meinung und keine Angst vorm Alleinsein, kurz gesagt zwei „ganze Menschen“ anstatt einer „besseren und einer schlechteren Hälfte“.

In diesem Sinne wünsche ich Dir einen ruhigen und heilsamen November mit viel Zeit, wieder bei Dir selbst anzukommen und freue mich wie immer, von Dir zu hören und Dich zu sehen!

Jörg Schuber

Bildquelle: Google-Gemini-Bildgenerator

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