Praxis-Newsletter – Oktober 2025

Ein sensibles Thema: Krankheitsgewinn

Brian, der sein Leben lang schon mit Jesus verwechselt wird, schlendert mit seiner Mutter durch die belebten Gassen der Jerusalemer Altstadt in der Nähe des Marktplatzes. Da nähert sich ihnen ein Mann und bittet um eine milde Gabe. Brian und seine Mutter wundern sich darüber, dass der Bettler so gesund aussieht, und fragen ihn nach dem Grund. Dieser verzieht das Gesicht verächtlich und berichtet, dass Jesus, dieser „verdammte Wohltäter“ ihn von seiner Lepra geheilt habe und er dadurch seine Existenzgrundlage als Bettler verloren habe. In dem einen Moment sei er noch ein Leprakranker mit einem Gewebe gewesen, im nächsten Moment schon arbeitslos. Jesus habe ihn nicht mal um Erlaubnis dafür gebeten, sondern einfach nur gesagt: „Du bist geheilt, Kumpel!“ Ironisch schlägt der Ex-Leprakranke vor, Jesus solle ihm künftig „einmal pro Woche ein lahmes Bein verpassen“ – das werde zum Betteln reichen, aber nicht gleich wieder Lepra, „die ist wie die Pest am Arsch“. Brian gibt ihm daraufhin einen halben Denar, was den Bettler wieder in Lamento ausbrechen lässt, ein halber Denar sei viel zu wenig „für seine ganze Lebensgeschichte“. Brian meint nur „Manchen kann man es wohl nie recht machen“ und wendet sich ab. Im Weggehen ruft der Bettler ihm nach: „Genau was Jesus gesagt hat!“

Insider haben es schon erkannt: Das ist schwärzester, englischer Humor und stammt aus der satirischen Komödie „Das Leben des Brian“ der englischen Komiker-Truppe Monty Python. Was wir damals im Kino einfach nur skurril und lustig fanden, ist tatsächlich eine zugespitzte, satirische Parodie auf das psychologische Konzept des „Krankheitsgewinns“: Die oft unbewusste Motivation, an einer Krankheit oder Beeinträchtigung festzuhalten, weil sie Vorteile bringt – sei es durch Mitgefühl, Unterstützung oder materielle Vorteile. In der Szene zeigt Monty Python auf bissige Weise, wie der Verlust dieses „Krankheitsgewinns“ sogar als Nachteil empfunden werden kann.

In der psychotherapeutischen Praxis ist das Thema fester Bestandteil jedes Behandlungsverlaufs. Inzwischen denke ich, dass sich niemand selbst heilen kann, ohne sich mit diesem Aspekt des Heilungsprozesses auseinandergesetzt zu haben.

Das psychologische Konzept des Krankheitsgewinns und die Prägung dieses Begriffs hat seine Ursprünge in der Psychoanalyse Freuds. Sicher gab es auch schon vorher eine volkstümliche Ahnung oder ein Wissen unter den Heilern und Schamanen um diese Zusammenhänge, aber Freud befasste sich erstmals wissenschaftlich damit und systematisierte das Phänomen.

Die satirische Geschichte von Brian und dem ehemaligen Leprakranken beschreibt den sogenannten sekundären Krankheitsgewinn. Der sekundäre Krankheitsgewinn beschreibt die äußeren Vorteile, die Krankheit in der Regel eben auch mit sich bringt. Wir erhalten als Kranke in der Regel besondere Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Zuwendung von Familie oder Umgebung. Um dieses Phänomen geht es in den zahlreichen Witzen, die Frauen gerne über die sogenannte „Männer-Grippe“ machen. Ein Mann hat psychosomatisch gesehen „die Nase voll“ und verlangt nach mütterlicher Zuwendung und Aufmerksamkeit von der Frau in seinem Leben, die in der Regel den psychologischen Staffelstab von der Mutter des Mannes übernimmt. Sogar die TV-Werbung für Grippe-Medikamente bedient sich gerne und ausgiebig dieses Motivs. Ein Kranker wird also umsorgt, erhält Besuche, bekommt Sonderbehandlungen oder – etwa im Krankenhaus – Essen serviert und muss keine Aufgaben erfüllen. Dauert die Krankheit länger, tritt ein Gewöhnungseffekt ein, wir fangen an, uns mit dem Zustand zu arrangieren, leiden zwar weiterhin, genießen aber auch die Vorteile, auch wenn uns dies ein bisschen peinlich ist und wir es nicht gerne zugeben. Wir „können ja schließlich nichts dafür, dass wir krank sind“ und verschaffen uns diese Vorteile nicht mutwillig und absichtlich. Abstreiten können wir sie aber eben auch nicht.

Im Bereich der Tumorerkrankungen, aber auch anderer chronischer Erkrankungen benennt der Kranke häufig ganz offen, dass er glaubt, berufliche oder familiäre Strukturen seien ursächlich auslösend oder ein Verstärker für die Erkrankung. Hier kommt der primäre Krankheitsgewinn zum Vorschein: Die Erkrankung legitimiert ein Ausweich- und Schonverhalten. Es muss nichts am ungeliebten Job verändert werden und die Familien- oder Ehestreitigkeit tritt hinter die Sorge um den Erkrankten zurück und muss vorerst nicht geklärt werden. Das sind direkte Vorteile, die aus den Symptomen der Krankheit gewonnen werden. Soll Therapie wirksam sein, darf das auf keinen Fall ausgeklammert werden!

Leichter gesagt als getan! Die Fixierung auf äußere Umstände als Auslöser oder Verstärker der Krankheit ist oft sehr stark. Wir treffen oft auf die felsenfeste Überzeugung: „Die Bosheit meines Chefs/ meines Ehepartners hat mich krankgemacht!“ An dieser Stelle beginnt das therapeutische Ringen um die Selbstverantwortung. Wie der große Psychoanalytiker und Psycho-Onkologe Lawrence LeShan in jahrzehntelanger, hingebungsvoller Arbeit mit den Patienten der Onkologie-Abteilungen der New Yorker Krankenhäuser bewiesen hat, ist das rein psychoanalytische Vorgehen gerade im Falle von Tumorpatienten nicht angeraten. Gerade diese Patientengruppe profitiert eher davon, vorwärtsgerichtet zu arbeitet und herauszufinden, welche seelischen Impulse nicht gelebt werden, wo sie ihre Bedürfnisse, Wünsche und Träume zurückstellen und eben nicht verwirklichen.

An dieser Stelle kommt zu dem Ringen um Selbstverantwortung das Ringen um das ungelebte Leben hinzu. Viele sind bei diesem Thema wiederum inzwischen so sehr von sich selbst entfernt, dass wir erst einmal nur den sogenannten „Traum von der grenzenlosen Wohnmobil-Freiheit“ präsentiert bekommen. Dies sei ihr ungelebtes Leben: weg von gesellschaftlicher und beruflicher Verantwortung, rein ins große Abenteuer der Freiheit! Der Krankheitsgewinn schlägt voll zu, manche dieser Patienten sind dann tatsächlich nicht dazu zu bewegen, ihr eigenes Wertesystem, ihr Fühlen, Denken und Handeln so neu auszurichten, dass aus dem Nein zum und der Flucht vor dem Leben ein Ja zu einem sinnstiftenden, selbstgestalteten Leben in einer produktiven Tätigkeit, die Herz, Verstand und den Tag ausfüllt, wird. Das Wissen, dass man jede Tätigkeit mit Liebe, Hingabe und Sinn erfüllen und ausüben kann, scheint in einer Gesellschaft, die von überbordenden Anspruchshaltungen und Sozialneid erfüllt ist, zunehmend verloren zu gehen. Dienen ist nicht mehr angesagt, alle wollen „frei sein“ und „sich nichts mehr sagen lassen“. Selbstverwirklichung auf Abwegen, aber damit habe ich mich bereits in meinem Text über den Unterschied zwischen Individualisierung und Individuation ausführlich auseinandergesetzt.

Diejenigen jedoch, die sich die Mühe machen herauszufinden, welches Leben ihnen tatsächlich entspricht und sich dann ein Herz fassen, und es leben oder wenigstens Aspekte davon, erleben häufig wundersame Transformationen und kommen damit in Berührung, was wir inzwischen den tertiären Krankheitsgewinn nennen: Angehörige müssen damit fertigwerden, dass das Familienmitglied keine Hilfe mehr braucht, putzmunter ist und weiterlebt. Therapeuten müssen damit klarkommen, dass derjenige keine oder weniger Hilfe braucht, und als Einkommensquelle wegfällt oder weniger „abwirft“. Hilflose Helfer im Umfeld des Ex-Kranken müssen sich tatsächlich wieder mit ihren eigenen Problemen beschäftigen oder sich ein anderes „Opfer“ suchen. Denn der tertiäre Krankheitsgewinn besteht aus den Vorteilen, die das Umfeld des Kranken aus der Erkrankung bezieht. Elke weiß von der Geschichte einer Tumorpatientin im Endstadium zu berichten, die von ihrem Mann voller Häme dessen Geliebte vorgestellt bekam und warmen Dank für die baldige Aussicht auf ihren Tod und damit auf ihr Haus und ihr Vermögen ausgesprochen bekam. Das machte die gute Frau so wütend, dass sie aus dem palliativen Zustand heraus dann doch noch alles in Angriff nahm, was sie vorher vermieden hatte und restlos gesundete. Wir kennen inzwischen einige solcher Geschichten, aber das ist die heftigste.

Dabei müssen es nicht immer riesige, umwälzende Veränderungen sein, die durch Krankheit ausgelöst werden. LeShan berichtet in seinem Buch „Diagnose Krebs. Wendepunkt und Neubeginn“ von einigen wundersamen Heilungen und von einer Frau, die lediglich das Klavierspiel in ihren Alltag integrierte und gesundete. Natürlich war das Klavierspiel ein emotional aufgeladenes Symbol für ein Leben, von dem sie dachte, dass es ihr nicht zustünde, da sie in bitterer Armut und Entbehrung aufgewachsen war. Dieses Element zu aktivieren genügte dann eben, um die Traumatisierung der Kindheit zu überwinden und ein neues Selbstbild zu etablieren.

Insofern möchte ich es wagen, den Begriff „Krankheitsgewinn“ abschließend in dieser Perspektive zu präsentieren: Krankheit ist immer ein Gewinn, wenn wir ihre Botschaft entschlüsseln und für uns einsetzen, wenn wir sie als unseren besten Freund und Wegweiser begreifen und nicht als etwas, das uns schaden und zerstören will. Beispielsweise wird im Taoismus gelehrt, dass das Leben im Fluss sein soll, ohne gegen den natürlichen Lauf zu kämpfen. Krankheiten, auch psychische Krankheiten oder emotionaler Schmerz, sind immer auch Signale oder Hinweise auf inneres Ungleichgewicht, die nicht sofort als gut oder schlecht bewertet werden sollten, mit denen wir uns nicht identifizieren müssen, die eine gewisse Prüfung sein können, aber kein Hindernis sein müssen, sondern ein Weg, der uns zu größerer Ganzheit führen kann. Rudolf Steiner lehrte, dass wir nicht nur einen Schutzengel, sondern auch eine Art „dunklen Doppelgänger“ haben, der unsere Abgründe und Dunkelheiten verwaltet und portionsweise „auf uns wirft“, um unser Wachstum zu fördern und uns aufzufordern, auch unsere dunklen Seiten zu integrieren und in den Dienst der Evolution der Menschheit zu stellen.

In diesem Sinne wünsche ich Dir einen goldenen Oktober mit Gewinn auf allen Ebenen und freue mich wie immer, von Dir zu hören und Dich zu sehen!

Jörg Schuber

Bildnachweise: Google-Gemini-Bildgenerator

Nach oben scrollen